Digitale Barrierefreiheit ist längst kein Nischenthema mehr. Ob PDFs, Word-Dokumente, Formulare oder Präsentationen, wer barrierefreie Inhalte erstellt, sorgt dafür, dass jede Person unabhängig von Behinderungen, Seh- oder Lesefähigkeit Informationen nutzen, verstehen und verarbeiten kann.
Viele Menschen unterschätzen jedoch, wer tatsächlich auf barrierefreie Dokumente angewiesen ist und welche assistiven Technologien dafür eingesetzt werden. Screenreader, Vergrößerungshilfen, Tastaturnavigation oder Sprachsteuerung sind längst keine exotischen Tools, sondern entscheidende Hilfsmittel, damit Inhalte überhaupt zugänglich werden.
In diesem Artikel erfahren Sie praxisnah und anschaulich, wer barrierefreie Dokumente nutzt, welche Technologien dabei helfen und wie Unternehmen ihre Inhalte optimal gestalten können. So gewinnen Sie ein klares Verständnis für die Bedeutung barrierefreier Inhalte und erkennen, wie sie Ihre Dokumente für möglichst viele Menschen zugänglich gestalten können.
1. Menschen mit Sehbehinderungen: Screenreader und Vergrößerungshilfen
Menschen, die blind oder stark sehbehindert sind, können digitale Inhalte nicht auf herkömmliche Weise lesen. Sie nutzen deshalb sogenannte Screenreader, um die Inhalte zu erfassen. Bekannte Programme sind NVDA (NonVisual Desktop Access) für Windows, die professionelle Lösung JAWS (Job Access With Speech) ebenfalls für Windows sowie VoiceOver, das in macOS und iOS integriert ist.
Screenreader lesen Inhalte nicht visuell, sondern interpretieren die Struktur des Dokuments. Dabei werden Überschriften als solche erkannt und vorgelesen, Listen korrekt wiedergegeben, Tabellen zeilen- und spaltenweise interpretiert und Links sinnvoll benannt. Nur so wird ein Dokument verständlich und effizient navigierbar.
Praxisbeispiel:
Ein PDF-Handbuch mit sauber getaggten Überschriften und Listen lässt sich mit JAWS flüssig navigieren. Überschriftenebenen werden folgendermaßen benannt: „Überschrift 3 Praxisbeispiel“ oder „Überschrift 3 Vergrößerungshilfen“ oder „Liste mit drei Elementen …“.
Ein ungetaggtes PDF hingegen wird für blinde Nutzende zur akustischen Irrfahrt: „Grafik. Grafik (ohne Alternativtext). Leer. Leer (Leerzeilen). Text. Text.“
Vergrößerungshilfen
Menschen mit Sehrest, also eingeschränktem Sehvermögen, nutzen häufig Tools, um Inhalte zu vergrößern. Dazu gehören ZoomText, das Bildschirm-Lupe und Screenreader kombiniert, die systemintegrierten Funktionen Windows-Magnifier oder macOS Zoom sowie Zoom-Funktionen in Browsern oder Office-Programmen.
Da diese Nutzenden oft nur einen kleinen Ausschnitt des Dokuments sehen können, ist es besonders wichtig, dass Inhalte klar strukturiert, logisch angeordnet und ausreichend voneinander getrennt sind. Ohne diese Strukturen wird das Lesen sehr mühsam und zeitaufwendig.
2. Menschen mit motorischen Einschränkungen: Tastatur, Maus-Alternativen und Sprachsteuerung
Menschen mit motorischen Einschränkungen haben oft Schwierigkeiten, eine Maus oder ein Touchpad zu bedienen. Sie nutzen daher verschiedene Hilfsmittel, um digitale Inhalte dennoch effizient zu bedienen. Dazu gehören Maussteuerung per Augenbewegung, bei der der Cursor der Blickrichtung folgt, Fußsteuerungen, die Mausklicks oder Scrollbewegungen ersetzen, und Sprachnavigation oder Diktier-Software wie Dragon NaturallySpeaking, die eine Bedienung allein durch Sprache ermöglichen.
Viele dieser Menschen nutzen auch die vollständige Tastaturnavigation, also die Steuerung über Tab-Taste, Pfeiltasten und Shortcuts, um Dokumente zu öffnen, durch Inhalte zu navigieren und Formulare auszufüllen.
Für sie ist entscheidend, dass Dokumente linear und logisch navigierbar sind. PDFs oder Webseiten, die nur über die Maus bedienbar sind, können sonst nicht genutzt werden.
Praxisbeispiel:
Ein Online-Formular ohne logische Tabulator-Reihenfolge kann von jemandem mit eingeschränkter Handbewegung nur sehr mühsam oder gar nicht ausgefüllt werden. Eine klare Reihenfolge der Eingabefelder ist hier entscheidend.
3. Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder Leseproblemen
Menschen mit Dyslexie, ADHS oder anderen kognitiven Einschränkungen profitieren besonders von klar strukturierten Dokumenten und unterstützenden Technologien.
Sie nutzen unter anderem Text-to-Speech- und Vorlesefunktionen, beispielsweise Read Aloud oder den Microsoft Immersive Reader, die Inhalte direkt vorlesen. Gleichzeitig erleichtern einfache Sprache, kurze Absätze, übersichtliche Listen und eine logische Reihenfolge das Verständnis. Außerdem wirken lesefreundliche Schriftarten wie Aptos, Calibri, Noto Sans, Open Sans, Verdana und Tahoma unterstützend.
Auch ältere Menschen oder Menschen mit Konzentrationsproblemen profitieren von denselben Maßnahmen, da sie Inhalte dadurch schneller erfassen und verarbeiten können.
Praxisbeispiel:
Eine Kundin mit Dyslexie möchte ein Online-Formular ausfüllen. Dank klarer Struktur, logischer Reihenfolge und Vorlesefunktion kann sie das Formular problemlos ausfüllen. Ohne diese Hilfen bricht sie ab, und der Auftrag bleibt liegen.
4. Kombination von assistiven Technologien
In der Praxis nutzen viele Menschen mehrere assistive Technologien gleichzeitig, um Inhalte optimal zu erfassen:
- Blinde Personen kombinieren Screenreader mit Tastaturnavigation, um Dokumente effizient zu bedienen.
- Sehbehinderte Personen nutzen oft ZoomText zusammen mit Vorlesefunktionen, damit sie sowohl sehen als auch hören können.
- Menschen mit motorischen Einschränkungen kombinieren Fußsteuerungen mit Sprachbefehlen, um Maus und Tastatur vollständig zu ersetzen.
Dies zeigt deutlich: Barrierefreiheit ist niemals nur ein Tool, sondern entsteht aus der richtigen Kombination von Dokumentstruktur, logischer Navigation und unterstützender Technologie.
5. Warum barrierefreie Dokumente für Unternehmen relevant sind
Menschen mit Behinderungen nutzen keine exotischen Tools, sondern die normalen digitalen Inhalte, die Unternehmen bereitstellen. Dazu gehören PDFs, Word- oder Excel-Dokumente, Präsentationen und Webseiten.
Der entscheidende Faktor ist nicht das Tool, sondern die Qualität der Dokumente. Ein gut strukturiertes PDF kann von allen Menschen genutzt werden. Ein unstrukturiertes PDF hingegen wird für viele unzugänglich und verursacht Frust.
Praxisbeispiele:
Ein Mitarbeiter mit Sehbehinderung muss ein PDF-Handbuch lesen. Mit korrekt getaggten Überschriften und strukturierter Navigation kann er das Dokument schnell verstehen. Ohne Struktur wird die Navigation mühsam und Informationen gehen verloren.
Eine Kundin mit Dyslexie möchte ein Formular ausfüllen. Ein gut strukturiertes Dokument ermöglicht das einfache Ausfüllen, während ein unübersichtliches Formular zum Abbruch führt.
Fehlende Barrierefreiheit bedeutet für Unternehmen Informationsverlust, Frust bei Mitarbeitenden und Kunden/Kundinnen sowie potenziellen Umsatzverlust.
6. Fazit: Barrierefreiheit beginnt beim Dokument
Barrierefreie Dokumente sind kein Extra für wenige, sondern gute digitale Kommunikation für alle.
Für Unternehmen bedeutet das:
- Inhalte sauber strukturieren mit Formatvorlagen für Überschriften und Listen, einfach strukturierte Tabellen und Alternativtexten für Bilder.
- Assistive Technologien verstehen und deren Anforderungen berücksichtigen.
- Dokumente testen, nachbessern und regelmäßig prüfen.
Erst danach kann entschieden werden, ob Spezialtools wie CommonLook, axesPDF oder PDFix notwendig sind, etwa bei großen Dokumentenmengen oder komplexen Workflows.
Barrierefreiheit ist praktisch, wirtschaftlich sinnvoll und inklusiv, und beginnt immer beim Inhalt, nicht beim Tool.
7. Praktische Checkliste für Unternehmen
- Mit Tools wie Word oder Adobe InDesign professionell arbeiten.
- PDFs korrekt taggen, sodass Screenreader Inhalte erkennen.
- Überschriften logisch setzen, damit Dokumente linear navigierbar sind.
- Alternativtexte für Bilder einfügen, damit Inhalte auch hörbar oder verständlich werden.
- Tabellen verständlich gestalten, sodass Zeilen- und Spaltenlogik erkennbar ist.
- Schriftgröße, Zeilenabstand und Kontrast prüfen, um Lesbarkeit zu verbessern.
- Dokumente mit elektronischen Bildschirmlese- und Vergrößerungsgeräten (zum Beispiel Lupen/PSP-Geräten) sowie mittels Tastaturnavigation testen, um die Barrierefreiheit zu prüfen.
Das Thema digitale Barrierefreiheit ist natürlich viel umfangreicher, als es hier in einem Artikel abbildbar ist. Ich habe versucht, die wichtigsten Punkte zusammenzufassen, um Ihnen einen praxisnahen Überblick zu geben. Ich hoffe, dass Sie dadurch besser nachvollziehen können, warum barrierefreie Dokumente so wichtig sind, und das nicht nur für Menschen mit Behinderungen, sondern für alle, die sie nutzen.
Haben Sie Fragen oder möchten Sie wissen, wie Sie Ihre PDFs, Word-Dokumente oder Formulare barrierefrei gestalten können? Dann kommentieren Sie gerne hier oder nehmen Sie Kontakt zu uns auf für eine individuelle Beratung. Gemeinsam finden wir die beste Lösung, um Ihre Inhalte zugänglich, nutzerfreundlich und professionell aufzubereiten.